Friedrich August von Hayek und John Maynard Keynes, die größten Gegenspieler in der Ökonomie im 20. Jahrhundert, waren sich in einer Hinsicht überraschend einig: in ihrer Vorstellung des idealen Ökonomen. Hayek warnte, dass „niemand ein großer Ökonom sein kann, der nur Ökonom ist“, und Keynes forderte, der ideale Ökonom müsse „Mathematiker, Historiker, Staatsmann und Philosoph“ zugleich sein. Das Institut für Volkswirtschaftslehre und die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften trauern um einen der wenigen Ökonomen, die diesen Ansprüchen je genügen konnten. Emer. o. Univ.-Prof. Dr. Erich Streissler ist am 12.10.2025 im Alter von 92 Jahren gestorben. Der promovierte Jurist und akademisch geprüfte Statistiker hatte auch Mathematik, Geschichte und Psychologie studiert. Er war nicht nur Professor für Volkswirtschaftslehre, sondern auch für Ökonometrie und Wirtschaftsgeschichte.
Erich Streissler promovierte 1955 zum Dr. juris an der Universität Wien und habilitierte sich im Fach Volkswirtschaftslehre im Jahr 1959. Ab 1962 war er ordentlicher Professor für Statistik und Ökonometrie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Erich Streißler kehrte 1968 als ordentlicher Professor an die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät der Universität zurück, und zwar auf den ältesten Lehrstuhl für Staatswissenschaften, den ab 1763 als Erster Joseph von Sonnenfels inne hatte und der später auch von Carl Menger bekleidet wurde.
Inhaber des ehemaligen Carl-Menger-Lehrstuhls zu sein, war für Erich Streissler immer eine Ehre, aber auch eine Verpflichtung. Entsprechend setzte er sich in seinen theoriegeschichtlichen Arbeiten intensiv mit den Vertretern der „Österreichischen Schule“ auseinander, erkannte als Erster die Bedeutung ihrer Vorläufer in der deutschen Nationalökonomie des 19. Jahrhunderts und arbeitete neue Aspekte heraus. Seine Analyse berücksichtigte stets die sozialen, kulturellen und institutionellen Gegebenheiten ihrer Zeit.
Erich Streisslers herausragende Stellung als Historiker ökonomischer Theorien und seine zahlreichen einflussreichen Arbeiten auf diesem Gebiet verstellen manchmal den Blick darauf, dass er ein an empirischen Fragestellungen interessierter, in den modernen Methoden ausgesprochen versierter Theoretiker war. In seiner Antrittsvorlesung an der Universität Wien zeigte er zunächst, dass der eigentliche Beitrag der Österreichischen Schule in einem strukturellen Analyseansatz, also einem Fokus auf die Zusammensetzung ökonomischer Aggregate sowie deren Streuung, und der Berücksichtigung der Heterogenität liegt. Im zweiten Teil seiner Antrittsvorlesung wendete er diesen Ansatz in einer einzigartigen Kombination von ökonomischer Theorie und statistischer Modellierung direkt an. Er zeigte, dass der Bedarf an Währungsreserven von der Volatilität der internationalen Zahlungen abhängt – nicht vom Handelsvolumen, was nicht nur zum besseren Verständnis von Zentralbankreserven beitrug, sondern auch spätere geldtheoretische Analysen zur Vorsichtsnachfrage nach Reserven und Liquidität vorausahnte.
Zeugnis seiner Versiertheit sind unter anderem auch jene Beiträge, in denen er die empirischen Implikationen verschiedener wachstumstheoretischer Modelle herleitet und diese dann auch ökonometrischen Tests unterzieht. Lange bevor Universitäten und andere Institutionen “Nachhaltigkeit“ zu einem ihrer Schwerpunkte erklärten, setzte er sich mit umweltökonomischen Fragestellungen auseinander. So gelang es ihm, die Kernprobleme einer nachhaltigen Ressourcenpolitik präzise herauszuarbeiten.
Aufgrund seiner Vertrautheit mit aktuellen Theorien und Methoden vermochte er, wie kein anderer, den Einfluss der österreichischen Schule auf die moderne Ökonomie einzuordnen. Streissler würdigte die Leistungen, versäumte es aber nicht, auch auf bedenkliche Werturteile hinzuweisen oder mittlerweile Überholtes als solches zu bezeichnen. Gerade in einer Zeit, wo die österreichische Schule einerseits blinde Ablehnung hervorruft, andererseits als Rechtfertigung eines wenig reflektierten Marktfundamentalismus missbraucht wird, ist es wohltuend und besonders lohnend, Erich Streisslers Arbeiten (wieder) zu lesen.
Das Leben und Werk Erich Streisslers sind untrennbar mit dem Wirken seiner Frau, der Ökonomin Dr. Monika Streissler, verbunden. Zahlreiche einflussreiche Schriften gingen aus ihrer kongenialen Zusammenarbeit hervor, darunter unter anderem die Monographie “Konsum und Nachfrage”, die zweisprachige Ausgabe der Vorlesungen Carl Mengers für Kronprinz Rudolf und das in drei Auflagen erschienene Lehrbuch “Volkswirtschaftslehre für Juristen”.
Erich Streissler blieb nach seiner Berufung im Jahre 1968 der Universität Wien treu. 1973/74 war er Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät. Nach der Fakultätsreform 1975 gehörte er der neu geschaffenen Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an. Seine Emeritierung im Jahr 2001 tat Erich Streisslers Lehr- und Forschungstätigkeit an unserer Fakultät keinen Abbruch, sondern er lehrte an unserer Fakultät bis zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 2013. So prägte Erich Streissler Generationen von Studierenden.
Als Lehrer traute Erich Streissler Studierenden mehr zu als andere. Er konfrontierte sie direkt mit neuesten Forschungsarbeiten. Das verlangte eine Risikobereitschaft auf Seite der Studierenden, da sie selbst dafür verantwortlich waren, sich die Grundlagen zu erarbeiten, um bei der Diskussion einer neueren Arbeit nicht aufs Glatteis zu gelangen. In einer Lehrveranstaltung von Professor Streissler war nichts und niemand sicher. Die Diskussion kannte keine Tabus. Auch Arbeiten bekannter Größen wurden zerlegt und Widersprüche aufgedeckt. Grundlage dafür waren natürlich seine unvergleichliche Kenntnis der Literatur und empirischer Zusammenhänge und sein historisches Wissen. In der Debatte nahm Erich Streissler bewusst Positionen ein, um Studierende zu zwingen, ihre Gedanken zu Ende zu bringen und exakt zu formulieren. Nicht zuletzt kam ihm sein ausgeprägter Sinn für Humor zugute. Seine Pointen erwiesen sich als hervorragendes didaktisches Mittel, gingen Studierenden nicht aus dem Kopf und wurden gerne weitererzählt.
Erich Streisslers unübertroffene Souveränität zeigte sich nicht nur im Hörsaal oder bei Forschungsvorträgen, sondern auch in einer breiten öffentlichen Präsenz. Diese manifestierte sich durch regelmäßige Interviews sowie pointierte Zeitungsbeiträge und erstreckte sich zudem auf verschiedene Beratungsfunktionen. Von dieser besonderen Ausstrahlung zeugt auch Bruno Kreiskys Urteil im zweiten Teil seiner Memoiren „Im Strom der Politik“: „Unter den jungen Ökonomen beeindruckte mich besonders Professor Erich Streissler [...].“
Eine Erklärung für diese souveräne Wirkung mag in seinen hochkarätigen Erfahrungen bereits in jungen Jahren liegen: Bei Forschungsaufenthalten in Oxford tauschte er sich intensiv mit Sir John Hicks (Nobelpreisträger 1972) aus. In Freiburg stand er von 1965 bis 1967 als Dekan jener Fakultät vor, der auch der spätere Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek angehörte. So verkörperte Streissler nicht nur den Universitätslehrer und Forscher, sondern auch das, was heute als „Public Intellectual“ bezeichnet wird – einen intellektuellen Botschafter seines Faches, der sich aktiv in den öffentlichen Diskurs einbrachte.
Erich Streissler hat mit seiner Leidenschaft für sein Fach und seinem Schaffensdrang maßgeblich dazu beigetragen, dass das Institut für Volkswirtschaftslehre und die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wien nicht nur national, sondern auch international ein hohes Ansehen genießen. Sein Name und sein Wirken werden auf immer auf das Engste mit dem Institut und der Fakultät verbunden bleiben.
Univ.-Prof. Philipp Schmidt-Dengler, PhD
